Delphine

Bald hatte ein Körper von Dexter Cate den richtigen Rhytmus gefunden. Die Ruder schnitten in die schwarze See. Seine Muskeln wurden warm. In Gedanken war er in der Makua Bay auf Hawaii und sah im klaren Wasser glänzenden, beweglichen Leiber der Delphine, ihre wunderbare Anmut. Und in ihren sanften Augen jenes Wissen von einer unendlichen Freiheit.
Ein Schwall kaltes Wasser holte ihn in die Wirklichkeit zurück. Die Delphine, zu denen er hinausruderte, waren nicht frei. Sie schwammen in einem Gemisch auus Meerwasser und Blut, dem Blut ihrer Artgenossen..
Noch in dieser Nacht wollte er die Drachinsel Tatsu- no- shima im Norden der Insel Iki erreichen. Dort hatten japanische Fischer etwa etwa 1400 Delphine in kleinen Bucht zusammengetrieben und ihnen mit Netzen den Rückweg zum Meer abgesperrt. Dexter Cate und seine Frau Suzie waren am Tag zuvor dabeigewessen, als sie einige Hundert Geschlachtet hatten. Sie hatten gesehen, wie sie die Dolphine an den Fluken aus dem Wasser fezerrt und mit langen Speeren wieder unnd wieder auf sie eingetochen hatten. Die Tiere waren langsam verblutet.
Wärend Dexter die Fischer beobachtet hatte, hatte er die Empfindung, als wäre er eines von ihren Opfern. In jenem Augenblick stand für ihm fest- er dürfte kein Risiko scheuen. Er mu

usste versuchen, den Eingeschlossenen zu helfen.
Und dazu war er diese Nacht unterwegs., er wollte die noch lebenden Gefangenen befreien. Ihm war klar, dass er möglicherweise von seiner Mission nicht wiederkehren und seine Familie nicht wiedersehen würde.
In der Bucht von Tatsu- no- shima war es fast windstill. Trotzdem wurde sein Gummi-Kanu von Turbulenzen hin- und hergeworfen. Delphinkörper wühlten um ihm herum die See auf. Er fühlte ihre Gegenwart mehr, als dass er sie in der tiefen Dunkelheit sehen konnte.
Mit dem Paddel kämpfte er sich ans Ufer. Sein Boot kollidierte mit einem toten Tier. Nachtschwarze vor Augen, sah er noch einmal die grellesten Bilder des vergangenen Tages vor ihm: Wie das Blut mit kräftigen, dann immer schwächeren Stössen aus den Wuunden der Delphine pulsierte, wo die Fischer ihnen die Schwanzflossen abgeschlagen hatten. Ihr Leben verströmte.
Die Fischer von Iki betonen immer wieder, dass sie die Delphine nur ungern töten und dass sie mit ihnen kaum Gewinn machen. Sie weisen auf die Denkmäler hin, die sie den Seelen der toten Delphine geweiht haben. Das erste wurde 1978 errichtet, ist drei Meter hoch und hat eine Inschrift aus vergoldeten Lettern. 1978- das muss man wissen- war das Jahr, in dem die internationale Empörung über das, wa
as vor Iki geschah, ihren Höhepunkt erreichte.
Dennoch ehaupten die Fischer, dass sie keine andere Wahl hätten. Sie müssten die Tiere töten. Denn die Delphine gefährdeten ihr Einkommen. In immer größerer Zahl tauchten die Tiere jedes Jahr vor der Küste auf und fräßen Massen von Tintenfischen und Gelbschwänzen- eben jene Meerestiere, an denen die Fischer am meisten verdienen.
90 Prozent der Delphine, die den Fischern von Iki in die Netze gehen und niedergemacht werden, weil sie mit den Menschen um die Nahrung konkurrieren, sind Große Tümmler. Als allerdings bei einigen Exemplaren dieser Delphingattung der Mageninhalt analzsiert wurde, fand man kaum Anhaltspunkte dafür, jedenfalls nichts, das die alljährliche Metzelei rechtfertigen würde, weder Gelbschwänze noch Tintenfische.
Dexter Cate ist davon überzeigt, dass die Tümmle hier zu Sündenböcken gemacht werden, dass jenes Jahr bei Iki vor den Augen der Welt ein Verbrechen begangen wird. Als er die Insel 1979 zum drittenmal besuchte, begriff er, worin das eigentliche Problem der Region besteht. Er dürfte damals mit den Fischern zu jenen Bänken hinausfahren, an denen die Interessen von Mensch und Tier aufeinanderprallen. Mehr als tausend Fischerboote kreutzten auf dem nicht einmal zehn Quadratkilometer großen Gebiet der Küsstengewässer umher. Ihre Motoren dröhnten, Lautschprecher und Funkgeräte bellten, die Fischer lehnten an de
er Bordkannte und schauten nach Gelbschwänyen aus. Es scien eigentlich völlig absurd zu sein, dass auch nur ein einziger Großen Tümmler die Mut aufbringen würde, sich diesem optischen und akustischen Chaos zu nähern. Aber möglicherweise haben die Tiere ja keine Wahl: Wahrscheinlich ist Iki ein wichtiger Futterplatz auf ihrer jährlichen Wanderung.
Jetzt ist jedenfalls eines klar- jahrelang hatten die Fischer hier wie überall an Japans Küsten das Meer überfischt. Für die deprimierenden Folgen mußten sie einen Grund finden. Untereinander konnten sie sich unmöglich anklagen. Also suchte man sich die Schuldigen: die fischfessenden Tümmler.
Überall auf der Welt sind sie als sanfte, neugierige, zu Späßen aufgelegte und ausgesprochen menschenfreundliche Tiere- auf jeden Fall eine Attraktion. Bei den Fischern von Iki heißen sie die Verbrecher der Meer.
Also, Dexter Cate zog sein Boot hinauf auf den Sandstrand und meldete Suzie (seine Frau) per Funk seine erfolgreiche Überfahrt. Dann machte er ihm sofort an den Netzen zu schaffen, die den Tümmlern die Rückkehr ins Meer versperrten. Mit den ersten Knoten hatte er keine Mühe, aber beim letzten Netz waren die Seile so straff gespannt, dass er den Knoten durchschneiden mußte.
Inzwischen hatte der Wind gedreht. Von ihm erhoffte Dexter ihm Hilfe, er sollte die Netze, di
ie daran hingen, ans gegenüberliegende Ufer hinübertreiben. So würde eine Öffnung freigegeben, durch die Delphine entkommen könnten.
Zunächst ging alles gut, aber das äußere Umfassungsnetz schien irgendwo festzuhängen. Dexter musste tauchen.Gleich unterhalb der Wasseroberfläche hörte er nichts mehr vom brühllenden Orkan, unheimliche Stille war um ihn her und die Dunkelheit des vergossenen Blutes. Seine Lampe warf ihm nur einen schwachen Schein voraus, Wälder von Seetang versperrten ihm den Weg. Mit einer Hand drängte er sie beiseite, da tauchte plötylich ein weißer Körper vor ihm auf: Es war ein toter Delphin, der sich in etwa fünf Meter Tiefe im Netz verfangen hatte. Dexter löste den Körper aus den Maschen und tauchte hoch, um Luft zu holen.
Als er kreuchend wieder an Land stieg, sah er zu seinem Entsetzen, dass die Delphine noch immer wie in Trance an der alten Stelle kreisten, sie sahen ihre Chance nicht. Dexter Cate blendete sie mit seiner Lampe, er schlug aufs Wasser, rief, sprang auf und ab, schwenkte die Arme. Es half nichts.
Er musste ihnen Weg weisen- das war die letzte, äußerste Möglichkeit. Wieder im Wasser, hörte ich Pfiffe, glaubte ihre ausgesandten Ortungswellen an seinem Körper zu spüren. Ob sie erkennen konnten , dass Dexter ein anderer Mensch war als die Fischer, die ihre Artgenossen umgebracht hatten? Sie wurden ihm nichts tun, dessen war es sicher.
Aber sein Versuch, sie aus der Gefangenschaft ins offene Meer zu leietn, scheichterte klängich. Sie blieben auf ihrer Kreisbahn und hielten sich von den Nylonntezen fern, die vielen ihrer Artgenossen zum Verhängnis geworden waren, wiel diese sie mit ihrer Echo- Ortung kaum im Wasser entdecken können. Darum faßten sie auch jetzt keine Vertrauen, obwohl doch die unsichtbare Todermauer fortgeräumt war.
Dexter nahm über Funkgerät mit seine Frau Verbindung auf, sie rufte Steve Simpman, dar viel mit Delphinen gearbeitet hat, aber er wusste kein Rat, er konnte nich helfen.
Noch immer schwammen die Tiere ihre Kreise. Vielleicht hatten sie die Öffnung längst entdeckt, wollten aber ihre verletzten und gestrandeten Artgenossen nicht im Sicht lassen. Berichte über Situationen, in denen die Tiere sich gegenseitig beistanden sind keine Legende.

Also, musste Dexter abwarten. Im Schein des Mondes ging er weiter in die Bucht hinein, wo bei der gerade einsetzenden Ebbe viele Tiere im flachen Wasser zurückgeblieben. Sie lagen auf der Seite. Dadurch gerieten ihre Atemlöcher unter Wasser. Wenn sie die Luft holen wollten, mussten sie sich schwerfällig herumwälzen. Je weiter er den Strand hinaufging, um so mehr tote Delfhine fand er. Sie waren in der prallen Sonne des Vortages buchstäblich vertrocknet. Gestern war Dexter dem Weinen nah gewessen, weil er nicht mehr helfen durfte. Jetzt konnte er es vielleicht. Entschlossen began Dexter Cate, einen der Gestrandeten in tieferes Wasser zu ziehen. Eben hatte er noch gezappelt und wild um sich geschlagen. Als er Dexter´s Hände an seinem Schwanzflossen spürte, lag er plötzlich ganz still. Während Dexter an ihm zerrte und zog, sprach er mit ihm und strich über seine glatte Haut. Als Dexter schließlich bis zur Hüfte im Wasser stand, hielt er den Delphin noch so lange, bis er seine Orientierung wiederfand. Dan schwamm er neben Delphin her bis zur Öffnung im Netz und kehrte wieder um. Es gab noch so viele, denen er helfen wollte.
Während er Tier für Tier mit aller Kraft an der Schwanzflossen ins Meer zurückzog, musste er unwillkürlich an die Fischer denken, die ihre Seile um die Fluken der Delphine geknotet hatten. Dextererinnerte sich besonders an einen der Tümmler, der im flachen, trüben Blutwasser von einem Fischer im Tauchanzug gegriffen wurde. Der Fischer hatte das Tier gestreichelt, um es zu beruhigen- und ihm dann das eine Ende seines Seils um die Flucken gelegt. Das andere Endehatten zwölf Männer gehalten, die oben auf dem Strand standen. Ein Kommando- und sie zogen an; das Tier glitt, mit dem gefesselten Schwanz voran, aufs Trockene und dann weiter, bis er schließlich auf einem Haufen blutbesudelter, toter Dephinleiber zu liegen kam, wo es angstvolle Pfiffe ausstieg.
Es war so ein schönes Tier gewesen- ein vollendetes Werk der Evolution, in Jahrmillionen geschaffen. Die Fischer aber hatten herzhaft zugepackt, während zwei von ihnen dem Tier mehrfach ihre Speere in den Körper stießen. Das Blut war in den weißen Stand geronnen.
Mit diesen Fischern hatte Dexter 1979 Sake getrunken, dieselber freundlichen Leute waren ihm vertraut geworden beim Erzählen von Späßen und Abenteuer, die sie auf dem Meere erlebt hatten. Auch gestern war in ihren Augen kein Sadismus, nicht einmal grausame Härte angesichts der Qualen, die sie ihren Opfern zufügten. Nein, es war viel schlimmer. Sie wußten überhaupt nicht, dass solche nicht- menschlichen Geschöpfe des Leidens fähig waren. So einfach war das und so grauenvoll.
Inzwischen kniete Dexter neben einem vie Meter langen Pseudorca und schob die mächtige Last des Kleinen Schwertwals Zentimeter um Zentimeter ins tiefere Wasser. Eine besonders schwere Welle hob sie empor und setzte im Verebben fast 1000 Kilo Wal auf Dexters Beinen ab. Im allerletzten Augenblick konnte er sich befreien. Er musste vorsichtiger sein, wenn er nicht am nächsten Morgen ertrunken unter einem toten Wal gefunden werden wollte.
Fast eine Stunde mühte Dexter sich mit diesen Riesentier, bis er den Wal schließlich in die Bucht und bis an die Öffnung des Netzes bugsiert hatte. Aber kaum hatte Dexter ihn losgelassen, machte er kehr un schwamm zurück auf die Innenseite der gefährlichen Nylonmaschen. Dort hing, gefesselt, ein weiterer Pseudorca, vielleicht sein Partner.
Dexter hätte wieder hinausschwimmen und auch das zweite Tier befreien müssen. Aber es war noch immer dunkel, das Meer kabbelig vom Sturm und vom Gezeitenwechsel- ihm war das Risiko zu groß. Wenn schon jene Schwimmkünstler sich trotz ihres phantastischen Ortungssins in den feinen Maschen verfangen hatten, standen seine Chancen ziemlich schlecht.
Schweren Herzens ging Dexter nochmal hinaus an die Spitze der Bucht. In der Dämmerung zwischen Himmel und Wellen sah er den Glanz dreier Dephinrücken: Die ersten kreitzten vor dem Ausennetz. Sie waren frei und warteten nur noch darauf, dass die anderen ihnen folgten. Der Exodus hatte, so hoffte Dexter inständig, endlich begonnen.
Als im Morgengrauen dei Fischer kamen, bemühte Dexter sich gerade vergebens, den größten Pseudorca des gesamten Fanges wieder ins Wasser zu hieven. Aber er war zu erschöpft und Wal auch zu schwer. Dexter brachte ihn nicht voran. Schließlich kniete er sich neben Wal, lehnte seinen Kopf an Wal´s Kopf und sagte ihm, wie gern er helfen wollte, aber er zu schwach ist. An den sterbenden Schwertwal geschmiegt, schwor er, für seine Artgenossen künftig zu tun, was er konnte.
Dexter stand auf. Jetzt musste er den Fischern entgegentreten, die mit Messern und Speeren den Strand entlagkamen.
Sie wollten an ihr Tagenwerk. Dexter hatte es ihnen verdorben. Im Vorübergehen sah jeder einzelne ihm kurz von der Seite an. Die Blicke der Fischer waren nicht feindselig. Sie verstanden nicht, weshalb Dexter das getan hatte. Obwohl ihn später doch einige Fischer beschimpften, wurde er- auch als sie ihn festhielten- respektvoll behandelt.
Auf dem Weg zurück von Tasu- no- shima zur Fischerei- Koopertive von Katsumoto kamen sie an den riesigen Mahlmaschine vorüber, in der die tote Delphine- damit das Fleisch nich nutzlos verrote- zu Düngert zerkleinert werden. Der Fortschritt lässt nichts verkommen: Hochentwickeltes, sinnlos vernichtetes Leben wird von hochentwickelten Anlagen verwertet.
Seit 1959 sind mehr als zehn Millionen Delphine getötet worde- die meisten ertranken in amerikanischen Thundfischnetzen. Man muss denken, wohin geht der Welt mit solche Statistik. Klar, zuerst wir sollen den Leben der Leute verbessern, das ist jetzt die häufigste Problem.

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